Umwelttipp:

LBV Starnberg

Fallen Krähen Menschen an?
Nachfolgend geben wir ein Interview wider, das die Süddeutsche Zeitung mit dem Geschäftsführer der LBV-Stadt- und Kreisgruppe München, Dr. Heinz Sedlmeier geführt hat (SZ vom 2.6.2004).
Die schwarzen Vögel kamen im Sturzflug und sie hackten zu - wie in einem weltbekannten Thriller: "Horror-Krähen", so melden die Boulevardblätter, greifen Menschen an, mitten in der Stadt. Heinz Sedlmeier, Zoologe beim Landesbund für Vogelschutz, erklärt, was in die Respekt einflößenden Tiere gefahren ist.
 SZ: Krähen fallen Menschen an - sind die Tiere aggressiv wie Hitchcocks Vögel?

Sedlmeier: Nein, sicherlich nicht, der Ausdruck "anfallen" ist dabei auch unpassend. Die Krähen, in diesem Fall Rabenkrähen, fliegen Scheinangriffe, das ist ein ganz normales Abwehrverhalten zur Brutzeit, mit dem sie ihre flügge gewordenen Jungenschützen wollen. Ein solches Verhalten zeigen andere Arten auch, selbst Kohlmeise und Amsel. Die Wacholderdrossel beispielsweise spritzt auf andere Vögel sogar Kot ab, was sie beim Menschen allerdings nicht tut. Bei ihren Scheinangriffen achten die Krähen jedoch sehr genau darauf, dass sie den Gegner nicht berühren. Denn der, etwa ein Fuchs oder ein Greifvogel, ist immer stärker; und so könnte eine echte Attacke ihnen selbst gefährlich werden.

SZ: Was treibt die Vögel ln die Stadt?

Sedlmeier: Als vergleichsweise intelligente Tiere weichen sie dem Jagddruck aus - sozusagen in befriedetes Gebiet. Laut Jagdstatistik sind in den beiden vergangenen Jahren rund 400.000 Rabenvögel in Deutschland abgeschossen worden. Außerdem ist natürlich der Lebensraum Stadt für Krähen attraktiv. Weil sie dort herumliegenden Müll finden, ist für sie die Nahrungsgrundlage dort viel besser als etwa in einem Fichtenforst, in dem es kaum etwas zu fressen gibt.

 

SZ: Nicht berühren? Es werden Fälle berichtet, bei denen Menschen Blessuren davontragen. Kann ein solcher Scheinangriff also auch schiefgehen?

Sedlmeier: Ja, wenn man sich unglücklich bewegt oder die Krähe die Flugbahn zu knapp über dem Kopf abgezirkelt hat. Krähen sind schwere Vögel und deswegen nicht so wendig. Da können die vergleichsweise massiven Krallen auch mal eine kleine Schürfwunde hinterlassen. Solche Fälle aber werden ganz, ganz selten berichtet. Oft halten die Geschichten einer Überprüfung auch nicht stand.

SZ: Haben die Vögel bevorzugte Gebiete?

Sedlmeier: Die Rabenkrähe ist in München inzwischen flächendeckend verbreitet. Entlang der Isarachse mag die Besiedlung dichter sein, ebenso im Umkreis der Innenstadtparks wie dem Englischen Garten. Im Olympiapark dagegen ist die Krähe selten, weil dort alte Bäume noch fehlen.

 

SZ: In welchem Umkreis empfinden Krähen einen Menschen als Bedrohung?

Sedlmeier: Sie versuchen einen als vermeintlichen Gegner wegzuscheuchen, wenn man sich etwa auf weniger als zehn Meter dem Jungtier nähert. Oft merkt man das gar nicht, weil es schon recht ausgewachsen aussieht, wenngleich es nicht so gut fliegen kann.

SZ: Wie steht es um die Saatkrähe?

Sedlmeier: Die gibt es als typischen Stadtvogel schon seit Jahrhunderten in München. Doch ist sie heute selten geworden und steht in Bayern auf der Roten Liste bedrohter Arten. Nur im Hasenbergl und in Ottobrunn gibt es Kolonien. *)

SZ: Mittlerweile haben sich Krähen weit über die Stadt verbreitet. Welche Beobachtungen machen Umweltschützer?

Sedlmeier: Im Gegensatz zu allen anderen Rabenvögeln ist die Rabenkrähe heute sehr viel häufiger als noch vor 20 Jahren. Ihre Zahl hat sich schätzungsweise verfünffacht. Wir gehen heute von rund 1.000 Brutpaaren im Stadtgebiet aus. Sie bauen ihre Nester an Straßenbäumen ebenso wie in Parks und Gärten. Sie ist eigentlich ein typischer Waldvogel und braucht in ihrem Lebensraum deshalb große, alte Bäume. Weil es die heute auch in der Stadt heute sehr viel häufiger gibt als früher, kann sie sich überhaupt dort ausbreiten.

SZ: Kann man als Laie die beiden Arten unterscheiden?

Sedlmeier: Sehr leicht sogar, obwohl sie in etwa gleich groß sind. Die Saatkrähe hat einen unbefiederten Gesichtsbereich; sie sieht dort richtig grau aus. Die Rabenkrähe dagegen ist komplett glänzend schwarz.

Interview: Martin Thurau

Anmerkung LBV Starnberg: Gemeint sind Brutkolonien. Im Landkreis Starnberg findet sich eine kleine Brutkolonie der geschüzten Saatkrähe in Hechendorf, Gde. Seefeld. In Bayern insgesamt rechnet man noch mit 3.500 Brutpaaren. Zu Rabenvögeln siehe auch unter "Nachgelesen".  H.G.
zu Aktuelles 2004