Starnberger  See

LBV Starnberg

Schilf und Schilfschutz am Starnberger See

 LBV-Schilfschutzzaun in der Bucht bei der Roseninsel

Photo: H. Guckelsberger

Schilf und Schilfrückgang seit 1960ern
Für den LBV ist das aquatische (= im Wasser stehende) Schilf (Phragmites australis) ein überaus wertvoller Bestandteil des Seeufers und des Sees, dessen Erhalt wir sehr hohe Priorität einräumen:
  • Schilf ist wichtiger Lebensraum, Nahrungs- und Bruthabitat für Röhricht bewohnende Vogelarten (z. B. Rohrsänger, Rohrdommel) und Rückzugsgebiet für mausernde Arten.
  • Es ist Entwicklungs- und Lebensraum für sehr viele Libellenarten sowie
  • Nahrungs- und Reproduktionsgebiet für Fischarten, die im Flachwasser laichen (Hecht,..)
  • Schilf bindet Stickstoff und trägt somit zur Reinhaltung der Gewässer bei.
Der auffällige Rückgang des Schilfs an den Ufern des Starnberger Sees seit der Mitte der 1960er Jahre wird häufig allzu einseitig dem Verbiss durch "überhand nehmende" Wasservögel (Höckerschwäne, Grau- und Kanadagänse sowie Bleßrallen) angelastet.

Mit großem persönlichen Einsatz engagiert sich deshalb der LBV Starnberg für fachgerechte Zäunungen zum Schutz der verbliebenen Schilfbestände und wirkt mit bei Versuchen, Schilfbestände wieder anzusiedeln oder zu re-vitalisieren.

Auslöser und zu vermutende Ursachen für den Rückgang
Weitgehend Einigkeit besteht über den Auslöser und Hauptursache des drastischen (ca. 90%) Schilfrückganges: Bei aufeinander folgenden extreme Hochwasserereignissen 1964 und 1965 wurden das Schilf während der Hauptvegetationsperiode (Mai) lange andauernd überstaut.

Da Schilf keine "Wasserpflanze" ist, sondern Nährstoffe nach Photosynthese in unterirdischen Speicherorganen (Rhizome) sammelt, wurden während der Überstauung die Rhizome entleert und nicht wieder genügend aufgefüllt. Folge: die Schilfbestände starben großflächig ab oder dünnten aus. Als Vergleichsgröße dienen Schilfbestände aus winterlichen Luftaufnahmen der Alliierten von 1945 bzw. vereinzelte, nur qualitative Mitteilungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

(Nach unbestätigtem Bericht soll der Schilfverlust an der Roseninsel durch Dreharbeiten zum Film "Ludwig II" von Visconti ausgelöst worden sein - Bitte um Mitteilung verlässlicher Beobachtungen!)

Als weitere Ursachen für den Schilfrückgang bzw. für die mangelnde Vitalität bzw. mangelnde Fähigkeit zur Wiederausbreitung werden diskutiert:
  • Re-oligotrophierung des Sees: die Nährstoffbelastung hat seit der Fertigstellung der Ringkanalistaion 1976 stark abgenommen, der See wurde (wieder) nährstoffarm (oligotroph bis mesotroph) und hat mit die beste Wasserqualität aller bayerischen Seen.
  • Uferverbauung und tief greifende Umgestaltung der Ufer(Ambach!), Bodenverdichtung, "harte" Uferverbauung, Störung der Hangwassersituation und Drainagewirkung von Kanälen: Schilf besiedelt "von Land her" die Flachwasserzonen
  • Erholungsnutzung: Trittschäden und Halmknick z. B. durch Badende, Bootsfahrer oder Angler, Belastung durch Windsurfer
  • Belastung durch Eisgang, natürlich auftretende Algenwatten (in Wärmeperioden) oder Schwemmholz (am Starnberger See weniger als etwa am Ammersee oder Chiemsee)
  • Wellenschlag durch Schifffahrt und Abtragung des Sediments
  • Verbiss durch Groß-Wasservögel: Höckerschwan, Grau- und Kanadagans (im Sommer), z.T. Bleßralle (diese nicht im Sommer)
  • Genetische Verarmung infolge der überwiegenden vegetativen Vermehrung und dadurch bedingte schwindende Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Wuchsortbedingungen.

Diskussion allgemein

  • Über die Gewichtung der genannten und weiterer Einzelfaktoren besteht derzeit keine Einigkeit.
  • Der Schilfrückgang im betrachteten Zeitraum der letzten hundert Jahre ist ein Phänomen, das an allen voralpinen Seen zu registrieren ist.
  • Der Starnberger See ist als kalk-oligotrohes Gewässer seinen vorwiegend steilen und kiesigen Ufern kein typischer Schilf-See.
  • Es ist unbestritten, dass die aufeinander folgenden Frühjahrs-Hochwässer 1964 und 1965 als Auslöser des Schilfrückgangs anzusehen sind.
  • Es ist fraglich, ob der Schilfbestand vom Anfang des 20. Jahrhunderts oder auch der von 1945 oder von etwa 1960 als repräsentativ für eine längere Periode anzusehen ist.
  • Ein längerfristiges, über Jahrhunderte dauerndes (z. B. klimatisch bedingtes) Schwanken  der Schilfwuchsbedingungen wird nicht ausgeschlossen.
  • Es gibt sehr viel kleinere Seen (im baltischen Raum), auf denen hunderte von Schwanenpaaren brüten, die aber zugleich einen stabilen und vitalen Schilfbestand aufweisen (Mitteilung W. A. Bajohr).
Diskussion speziell Wasservogelverbiss
  • Es liegt eine Reihe von Einzelbeobachtungen vor, wonach Schwäne Schilfhalme abfressen und - in Einzelfällen - sogar Rhizome herausreißen.
  • Es liegen indirekte Hinweise auf Verbiss vor, erkennbar an zweifach austreibenden Sekundärsprossen. (Diplomarbeiten an der Limnologischen Station der TU München, Iffeldorf, unveröffentlicht).
  • Es liegen uns keine relevanten, repräsentativen Untersuchungen mit Einzelnachweis vor über Umfang und Zeitraum des Verbisses, gegliedert nach Wasservogelarten und deren Alter (zB: sind es adulte oder junge Schwäne - resp. Kanadagänse - im Frühjahr oder ganzjährig, - und wie viele - in der Nähe ihrer Brutplätze?): Hier besteht Bedarf an Monitoring
  • Eine einseitige, monokausale Ursachenzuweisung an den "Wasservogelverbiss" ist derzeit nicht haltbar.
Ziele und Maßnahmen zum Schilfschutz
  • Es besteht Bedarf an weiteren Untersuchungen bzgl. Wasservogelverbiss, Wiederansiedelung von autochthonem (oder ggf. genetisch leicht abweichendem!) Schilf samt Erfolgskontrollen.
  • Langfristig muss die Wissenschaft praktikable Methoden bereitstellen, die eine kostengünstige und dauerhafte Wiederansiedelung von aquatischem Schilf ermöglichen.
  • Alle Maßnahmen (ggf. "Gänsemanagement") müssen sich am primären Leitziel des Starnberger Sees als Ramsar-Gebiet und als Europäisches Vogelschutzgebiet (SPA nach der EU-Vogelschutzrichtlinie) orientieren, d. h. sie dürfen zu keiner Beeinträchtigung der dort genannten Schutzziele (etwa Vermeidung der Störung durch Wasservogeljagd) führen.
  • Der LBV ist bereit, an einem differenzierten "Schilfschutzmanagement" in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt, der Seenverwaltung, den Naturschutzbehörden, den Berufsfischern und den Limnologen unter den zuvor genannten Bedingungen mitzuwirken und seine bisherig gesammelten Erfahrungen auch an anderen Seen einzubringen.
  • Als "Akutmaßnahme" sieht der LBV zur professionellen Zäunung ausgewählter Schilfzonen keine Alternative
  • Zu berücksichtigen sind dabei die spezifischen Verhältnisse am Starnberger See wie auch die Bedürfnisse der Fischfauna, der Berufsfischerei und der Landschaftsästhetik  Auch hier ist eine Erfolgskontrolle vonnöten.
  • Diese aufwendigen und überaus anstrengenden Zäunungen können vom LBV und hier insbesondere von seinem Mitarbeiter, Sebastian Werner, nicht weiter zum Nulltarif geleistet werden.
siehe auch: "Untersuchung des Schilfrückgangs an bayerischen Seen", LfU-Schriftenreihe, Heft 141, 1997

Horst Guckelsberger 

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zu Aktuelles 2004 zu Aktuelles 2005 auch: Schilfschutz am Ammersee