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Pflege- und Auffangstation Neufahrn

Dr. Waschkowski, Max-Anderl-Str. 94, 85375 Neufahrn
Vortrag, gehalten im Bürgerhaus Gräfelfing am 23.9.2002
(siehe auch: Hilfe für Wildtiere)
Der Sinn von Pflege- und Auffangstationen ist, heimische und Wildtieren, die in Not geraten sind, zu helfen und sie baldmöglichst wieder in ihren Lebensraum zu entlasten. Zu den Aufgaben gehören die Handaufzucht von Jungtieren und die Pflege verletzter und kranker Tiere unter Zuhilfenahme tierärztlicher Betreuung. Die Pflege ist also ein Gebot des Tierschutzes am Einzeltier. Nebenbei gesagt, eine Nachzucht von gefährdeten Tierarten im Rahmen der Artenerhaltung, also des Artenschutzes, ist nicht vorgesehen.
Einem "Normalbürger" ist die Haltung von heimischen Wildtieren von Gesetzes wegen nicht gestattet, so dass berechtigte Institutionen wie Auffangstationen gegründet wurden, an die Findlinge weitergeleitet werden können. Das Betreibern dieser Station ist also nicht nur ein Hobby, sondern der Betreiber ist sogar verpflichtet zu reagieren, so weit es seine Kapazität zulässt. Dabei wird unterschieden, ob das Tier dem Naturschutzrecht oder dem Bayerischen Jagdgesetz bzw. der Bundeswildschutzverordnung unterliegt. (Im ersten Fall ist eine Genehmigung des Geheges nach Art. 20a, Abs. 2, Satz 1 des Bayerischen Naturschutzgesetzes und dem zweiten Fall nach Art. 23, Abs.1 des Bayerischen Jagdgesetzes erforderlich.) Die Genehmigungen werden von der unteren Naturschutzbehörde bzw. der unteren Jagdbehörde des Landratsamts erteilt und sind in der Regel mit Fachkundenachweis und diversen Auflagen verbunden. Beispielsweise wird die Führung eines Nachweisbuches mit halbjährlichen Meldungen von Ein- und Ausgängen gefordert. Eine artgerechter Tierhaltung ist eigentlich selbstverständlich; sie kann von behördlicher Seite jederzeit überprüft werden.
Der momentane Bestand an Wildtieren in meiner Station ist ca. 100, hinzu kommen noch Haustiere und Ziergeflügel (letztere sind nur meldepflichtig, wenn sie im Washingtoner Artenabkommen aufgeführt sind). Im Mittel erhalte ich im Jahr knapp 90 Tiere. Mehr als ein Drittel sind Singvögel; 15 bis 20 zählen zu den Greifen; ca. 10 Säugetieren sind dabei. In grober Näherung kann man sagen, dass etwa ein Drittel der Tiere ihren Verletzungen erliegt; ein weiteres Drittel bleibt invalide und bekommt das "Gnadenbrot"; der Rest gesundet so weit, dass wieder eine Entlassung in die freie Wildbahn möglich ist. Die hohe Verlustrate überrascht nicht, da Wildtiere in der Regel bereits sehr geschwächt sein müssen, um von Spaziergängern eingefangen werden zu können. Insofern liegt von Haus aus eine negative Auslese vor.
In den Sommermonaten häuft sich die Handaufzucht von elternlosen Jungtieren. Problembehaftet ist oft die Aufzucht von jungem Haarwild, da trotz bester "Kochrezepte" die angebotene Nahrung nur ein schlechter Ersatz für die Muttermilch ist. Dabei werden Jungtiere häufig nur aus falscher Tierliebe von Spaziergängern aufgenommen; in der Regel ist die Mutter in der Nähe, sie erscheint bloß nicht, solange der Mensch in Sichtweite verweilt. Junges Haarwild sollte man nur dann berühren und damit Geruchsmarken hinterlassen, wenn man ganz sicher ist, dass das Kleine hilflos ist. (Einmal angefasst, wird es von der Mutter nicht mehr angenommen.)
In den übrigen Jahreszeiten werden mir bevorzugt verletzte Tiere, meistens im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen, gebracht. Zu den Raritäten zählen die Überwinterung eines Storches, die Pflege von Bekassinen und Brachvögeln sowie einer Rohrdommel. Zu den aufwändigen Fällen gehören Tiere, die in der Gefangenschaft nicht selber fressen wie Schwalben, Mauersegler, Eisvögel und Fledermäuse. Zur Palette des Futterangebots, das ständig verfügbar sein muss, gehören diverse Körnermischungen, Fettalleinfutter in verschiedenen Geschmacksrichtungen für Weichfresser, Mehlwürmer, Eier, Quark und einige Fleischsorten.
Die Wiederauswilderung muss individuell erfolgen. Problemlos geht es in der Regel bei Alttieren, die sich bereits in freier Natur auskennen. Für junge Singvögel und viele andere ist es erleichternd, wenn man sie in einem Schwarm von Artgenossen entlassen kann; wobei der Neuling dann von den anderen lernt. Bei vielen jungen Vögeln bedarf es jedoch eines speziellen Auswilderungsprogramms, um ihnen eine Starthilfe zur Nahrungssuche und zum Feindbild mit auf den Weg zu geben. Dabei ist es selbstverständlich, dass hinreichend lange vor dem Aussetzen natürliche Kost angeboten wird. So tut sich ein Turmfalken draußen hart, wenn er in Gefangenschaft beispielsweise mit Küken gefüttert wurden, denn die Nahrung auf die er geprägt wurde, findet er nicht; die Forderungen gehen sogar so weit, dass es dunkel gefärbte Mäuse sein müssen und keine weißen. Auch das Jagen muss erst erlernt werden; so weit eine Standorttreue vorliegt, kann anfangs zugefüttert werden.
Manche lehnen die Haltung von invaliden Tieren ab. Ich befürworte sie, solange das Tier nicht an einer Behinderung leidet. Für diese Meinung habe ich drei Gründe:
  • Ich selber bekommen Erfahrung bei der Pflege der Tiere und kann das Wissen im Bedarfsfall an "lohnenden" Fällen anwenden. Z.B. halte ich seit fünf Jahren eine flugunfähige Rauchschwalbe. (Hierzu sei angemerkt, dass Schwalben in der Natur Insekten nur im Flug fressen, also für die Volierenhaltung "umgepolt" werden müssen.)
  • Invalide Tiere können Leuten zur Schau gestellt werden, speziell Schulkinder haben selten die Möglichkeit, ein Tier aus so kurzem Abstand betrachten und kennen lernen zu können.
  • Oftmals können mit invaliden Tieren beachtliche Nachzuchterfolge erzielt werden. Meine beiden flugunfähigen Schleiereulen ziehen jährlich ca. fünf Junge auf, die über einen Ausbürgerungsprogramm freigelassen werden.
All das ist natürlich mit viel Arbeit verbunden. So bin ich meiner Frau sehr dankbar, dass Sie die Annahme von Tieren und die Mittagsfütterung übernimmt, während ich meinen Beruf als Physiker ausübe. Mein besonderer Dank gilt den Tierärzten des Instituts für Geflügelkrankheiten der Ludwig Maximilian Universität (LMU) in Unterschleißheim, die die entsprechende medikamentöse und operative Betreuung auch an meinen Patienten vornehmen.