Pressespiegel

LBV Starnberg

 Wasservogelzählung, Beispiel Ammersee

aus: Starnberger Merkur vom 08.02.2008

Mit dem Wasservogelzähler unterwegs
Weißt du, wie viel Sternlein stehen - schon dieses Gute-Nacht-Lied verlangte Unmögliches, zumal von müden Kindern. Josef Willy aus Schondorf steht vor einer ähnlich schwierigen Aufgabe: Er soll die Wasservögel auf dem Ammersee zählen

Klick, klick, klick: Wasservogelzähler Josef Willy aus Schondorf hat die Vögel genau im visier.

Der Mittwinter ist die beste Zeit

VON DAGMAR KÜBLER
Ammersee – Den Himmel färbt feuriges Morgenrot, ein leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche des Ammersees. Es ist Samstag, halb acht Uhr morgens. Bei Temperaturen knapp über null hebt Josef Willy sein Spektiv aus dem Kofferraum. Er hängt sich sein Klemmbrett mit Block und Bleistift, ein Fernglas und das Holzkästchen mit den sechs angeschraubten, leuchtend roten Zählern um den Hals und eilt ans Ufer der Stegener Bucht.

Erstaunt notiert er zwei Rostgänse. „Das sind verwilderte Zuchttiere." Auch eine Stockente mit Fehlfarben, sprich eine Kreuzung zwischen Wild- und Hausente, wird extra vermerkt.
„Wir notieren unsere Beobachtungen immer genau. Die Daten aus der Mittwinterzählung werden nahezu weltweit ermittelt und durch den International Waterbird Cencus in England ausgewertet", sagt Willy.

Wie viele Vögel leben auf dem Ammersee?

Daten werden nach Brüssel gemeldet

Seit 40 Jahren rückt er in den Monaten September bis April an jedem Samstag in der Monatsmitte mit seinem Fernrohr an, das scheinbar Unmögliche zu vollbringen: fliegende, tauchende, durcheinander schwimmende Wasservögel zu bestimmen und zu addieren. Die Mittwinterzählung im Januar ist dabei die wichtigste. Private Verbände haben sich selbst verpflichtet, an diesem Tag Wasservögel an allen Gewässern zu erfassen. Sie sind auch Grundlage für politische Entscheidungen, zum Beispiel Naturschutzgesetze. Das ist Josef Willy wichtig. Damit sich etwas bewegt, zum Vorteil für die Natur.

Klick, klick, klick. Das Zählwerk rattert wieder. Eine Vogelschar fliegt von Ost nach West. Ob die Wasservogelzähler auf der anderen Uferseite sie schon erfasst haben? Willy notiert Uhrzeit, Art und Anzahl der

Die Jahreszeit ist ideal: Im Winterhalbjahr verlassen viele Vögel die zugefrorenen Gewässer im hohen Norden oder Osten. Eisfreie Seen wie der Ammersee, der selten komplett zufriert, dienen als Winterquartier. So bekommt der ambitionierte Naturfreund manche in unseren Breitengraden ornithologische Seltenheit vor die Linse, wie etwa Seetaucher und Saatgänse. Tiere. Später vergleichen die Amateurornithologen ihre Aufzeichnungen. „Oft werden wir gefragt: Was ist mit den Vögeln, die gerade tauchen oder im Schilf sitzen?", sagt Willy amüsiert. „Natürlich können wir nicht jedes Tier erfassen. Wichtig sind stets dieselbe Zählmethode und die Kontinuität, die zeigt den Trend auf."

Den Wassersportlern zuvorkommen

Populationen sind rückläufig

Am Ammersee, einem international bedeutenden Feuchtgebiet, zählen acht Vogelkundler in insgesamt 13 Zähl-Abschnitten. Josef Willy übernimmt Abschnitt eins und 13, also die Strecke von Stegen bis zum südlichen Schondorfer Badeplatz.

Der Trend sagt nichts Gutes über die Vogelpopulation auf dem Ammersee: Während Ende der 60er Jahre noch zwischen 25 000 und 30 000 Wasservögel Winterquartier bezogen, waren es in den 70ern bereits rund 5000 weniger. Zwischen 1980 und 2000 sanken die Zahlen weiter auf 10 000 bis 15 000 Tiere. Durch den Bau der Ringkanalisation und das Verbot von Phosphaten in Waschmitteln war das Wasser sauberer, der Nährstoffgehalt geringer geworden. So verkümmerten beispielsweise die Bänke der Dreikantmuschel. „Diese in den 60er Jahren eingeschleppte Delikatesse hat uns seinerzeit den Vogelreichtum beschert", weiß Johannes Strehlow, Koordinator der Wasservogelzählung.

Die Wasserqualität ist aber nur ein Teil im Puzzle. Der Starnberger See weise eine wachsende Anzahl von Wasservögeln auf, obwohl das Wasser sauberer sei als das des Ammersees, sagt Willy. Als weitere Ursache werde auch die dicke Schlammschicht auf dem Grund des Ammersees vermutet, die alles Leben unter sich begrabe. Hinreichende Untersuchungen gäbe es leider noch nicht, berichtet Franz Wimmer vom Ramsar-Büro in Stegen, der die zahlreichen schützenswerten Flächen rund um den Ammersee betreut.

Willy setzt sich für Ruhezonen ein, in denen die Wasservögel nicht gejagt werden dürfen. „Seit am Bodensee und am Starnberger See *) solche Zonen ausgewiesen wurden, gibt es wieder mehr Wasservögel."

Willy peilt den spitzen Schondorfer Kirchturm an. Rechts davon zählt er selbst, links das Dreiergrüppchen aus Abschnitt zwei, das sich neben ihn gestellt hat. „Wer nimmt die Schellente auf der
Grenze?", fragt eine Vogelexpertin. Hier in der Stegener Bucht, wo die Gebiete verschiedener Zähler aneinander stoßen, beginnen diese gleichzeitig, um Doppelnotierungen auszuschließen.

Das erste Morgenlicht erscheint über der gegenüberliegenden Alpenkette, die... noch verschlafen in Wolken und Dunst liegt. Ein Graureiher durchkreuzt das Bergmotiv und landet im Schilf neben der im Winterschlaf liegenden Dampferflotte. Weit draußen dümpeln auf dem kibbeligen Wasser große Gruppen schwarzer Punkte.
Um diese Zeit ist es noch ruhig an den Ufern. „Das Zählen muss schnell gehen, bevor die Wassersportler und Gassigeher kommen, die die Vögel aufscheuchen", sagt Willy, aktives Mitglied im Landesbundes für Vogelschutz.
Das Zählwerk rattert bei jedem Daumendruck. Zuerst hat Willy die großen Gruppen mit dem Fernglas abgesucht. Sind sie homogen, blickt er durchs Spektiv, zählt und bestimmt das Geschlecht.

Mit Fernglas und Spektiv - klick, klick

Die positiven Auswirkungen kämen vor allem durch die verminderten Störungen in diesen Gebieten.

Apropos Störungen: 10.30 Uhr in der Schondorfer Bucht. Eilig streben Blässhühner und Stockenten vom Uferbereich weg. Von Süden naht ein Sportler im Kanu. Er treibt einen Schwarm von zirka 1000 Vögeln hinaus auf den See. Dort, im tieferen Gewässer, erreichen sie den Grund des Sees und damit ihre Nahrung nicht.
Häufig vorkommende Arten wie Blässhühner, Schell-, Tafel-, Stock- und Reiherenten erfasst Willy mit den Zählwerken. Wechselt er den Stand ort, überträgt er die Zahlen aufs Papier und vermerkt die Geschlechter dazu. Danach stellt er die Zählwerke wieder auf Null. Seltenere Arten wie Rothals- und Haubentaucher notiert er direkt in seine Tabelle. Handschuhe aus, Klemmschiene aufdrücken, Bleistift herausfieseln, aufschreiben und das Ganze wieder zurück.

Vor jedem Transport verschließt er das Objektiv mit dem dazugehörigen Deckel und den Sucher mit einer selbstkonstruierten Vorrichtung: einem kleinen, gelben, mit einem Gummi befestigten Stapelbecher, den üblicherweise

Es dauert lange, bis sie wieder in die Uferzone zurückkommen. Willy weiß, dass diese Störungen für die Wasservögel im Winter tödlich sein können. Sie verbrauchen zu viel Energie und haben nicht genügend Zeit für die Nahrungssuche.

Kleinkinder benutzen, um erste Türmchen zu bauen. „Die Hersteller bauen die Fernrohre nur für Schönwetter-Ornithologen", lacht er. Dazu gehört er nicht, nur dichter Nebel kann ihn vom Zählen abhalten.

Ortswechsel um neun Uhr. Zwischen den von Osten herantreibenden schwarzen Regenwolken blitzt grell die Sonne hindurch, die Alpen versinken im Dunst. Die Echinger Bucht, im Sommer prall gefüllt mit Badegästen und Gänsen mitsamt ihren Hinterlassenschaften, liegt verlassen im Morgenlicht. An Willys Nase hängen Tropfen, seine Hände sind rot gefroren.

Winterruhe ist lebensnotwendig

 „Wenn Sie weiter in der Seemitte fahren würden, würden Sie die Vögel nicht aufscheuchen", ruft er dem Paddler zu. „Dann machen die auch mal Frühsport", gibt der Unwissende zurück.
Einige Tage später, die Vogelkundler haben inzwischen ihre Zahlen addiert, die traurige Bilanz: lediglich 8238 Wasservögel verbringen den kalten Januar auf dem Ammersee. Die ehrenamtlichen Zähler haben ihren Teil getan. Die Ursachenforschung ist Sache der Wissenschaft.

*) Anmerkung: Am Starnberger See wurden zwar Ruhezonen definiert und von einer Reihe von Sportverbänden in freiwilligen Vereinbarungen (modifiziert) akzeptiert. Die massive Störquelle "Wasservogeljagd" wurde aber bis dato leider in keiner Weise reduziert oder gar ausgeschaltet. (siehe zB: "10 Jahre freiwillige Vereinbarungen - Wir brauchen dringend eine Regelung der Wasservogeljagd") H.G.
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