Pressespiegel

LBV Starnberg

Saatkrähen in und um München

MM vom 5./6.01.2005

 

Fotos: dpa/Landesbund für Vogelschutz

VON ERIK SPEMANN

München - Anders als häufig unter Politikern, hackt man einander kaum ein Auge aus - das Sozialverhalten gilt als vorbildlich. Ebenso wird die Intelligenz der Saatkrähen gerühmt, bei einem speziell auf sie zugeschnittenen Pisa-Test würden sie manche das Fürchten lehren. So sind sie für viele ein Quell der Beobachtungsfreude.

Andere halten sie für ein Ärgernis, weil sie wie heisere Stammtischbrüder laut krächzend und ziemlich pausen10s einander immer etwas erzählen müssen. Und weil sie auch noch so gut wie unkontrolliert verdauen und für einen gewissen Dreck sorgen.
Daneben herrscht ein ständiges aufgeregtes. Kommen und Gehen, wobei "gehen" nicht wörtlich zu nehmen ist: weil es sich um Flugreisende handelt, die derzeit tagsüber zehntausendfach auch stadtnahe Fluren und nachts die Bäume bevölkern und in großen Schwärmen unter dem Himmel kreisen.

Während nämlich viele hiesige Vögel vor dem Winter das Weite in Richtung Süden suchen, verbringen andere Arten aus Nord- und Osteuropa, wie eben die Saatkrähen, diese Jahreszeit als Gäste gern in unseren Breiten. Die scharenweise dahergeflogene und unter Schutz stehende Saatkrähe (Corvus frugilegus) ist für den Laien

             Verwechslungen mit der Rabenkrähe

gar nicht so einfach zu erkennen. Einmal weil sie eine gleich aussehende heimische Schwester hat, die bei uns . brütet, als gefährdet unter Schutz steht (Kategorie 3, etwa Vorwarnstufe der "Roten Liste") und nur in wenigen, Regionen Bayerns zu finden' ist; bei der jüngsten Zählung wurden noch 3239 Brutpaare registriert, wie der Artenschutzreferent des Landesbunds für Vogelschutz, Andreas von Lindeiner, berichtet. Zum anderen, weil sie häufig mit der weiteren Verwandtschaft, der häufig und flächendeckend vorkommenden Rabenkrähe (Corvus corone corone, zwischen 50 000 und 100 000 Paaren, verwechselt wird, die auch bejagt werden darf.

Im Gegensatz zu diesem russschwarzen Vogel hat die Saatkrähe ein blauschwarz glänzendes Gefieder und einen weißlichen Schnabelansatz (Ausnahme: Jungtiere). Völlig problemfrei ist ihr Winteraufenthalt nicht bei uns: Von Lindeiner muss immer wieder Konflikte um die gefiederten Gäste entschärfen: Wenn sie sich beispielsweise einen Schlafbaum ausgerechnet vor einem Krankenhausfenster aussuchen. Generell wundert sich mancher, warum die Krähe ausgerechnet zu den Singvögeln gezählt wird. Gewöhnlich begleitet den Vogel nämlich ein aufgeregtes wenig melodisches Rufen, Schnarren und eben das Krächzen, das der verständnislose Mensch als Lärm empfinden mag, das aber der breiten Palette interessantester Soziallaute zuzuordnen ist.



Von Lindeiner: "Sie halten den Kontakt untereinander aufrecht. Dazwischen streiten sie sich auch um den besten Ast." V on manchen Vögeln sei bekannt, dass sie über Jahre hinweg denselben bevorzugten und immer wieder zurückkehrten.

Bevorzugt überwintern die Saatkrähen südlich der Donau. Der Artenschutzreferent nennt die Großräume Augsburg und München. Aber auch Würzburg, Schweinfurt und Nürnberg sagen ihnen zu. In einer gemeinsam von Vogelschutzbund und Bayerischem Landesamt für Umweltschutz herausgegebenen Saatkrähen-Broschüre heißt es: "Die verschiedenen Formen ihres hochsozialen Verhaltens bieten für jeden spannende und interessante Beobachtungsmöglichkeiten. "

Der Vogel-Experte Robert Reisinger von der Kreisgruppe München des Landesbunds für Vogelschutz und speziell mit Saatkrähen- und Kiebitzschutz befasst, berichtet von kleiner werdenden Kolonien der Wintergäste. Er vermutet die Ursache dafür im osteuropäischen Brutgebiet, wo zum Teil die Ackerfluren ausgeräumt würden und das Nahrungsangebot zurückgehe.

Vor fünf Jahren noch sei der Himmel beispielsweise über dem Nymphenburger Schlosspark fast sprichwörtlich schwarz geworden, wenn allein dort zehntausende von Saatkrähen ihre Schlafbäume aufgesucht hätten. Und zwischen 50.000 und 100.000 seien noch vor etwa zehn Jahren aus allen Himmelsrichtungen zur Aubinger Lohe (südwestlich von München) als zentralem Schlafplatz gezogen. Sind die Wintergäste wieder in ihre Heimat geflogen, bleiben die heimischen Saatkrähen zurück. Noch um 1900 herum gab es davon fast 11.000 Brutpaare in Bayern. Doch die Intensivierung der Landwirtschaft mit Hang zu Monokulturen und Pestizideinsatz gegen allerlei “Schädlinge", die auf dem Speiseplan der Saatkrähen stehen, und daneben auch die Jagd führten zu drastischer Reduzierung. Inzwischen greifen amtliche Rettungsmaßnahmen wie ehrenamtliche Bemühungen der Vogelschützer, und die Bestände haben sich wieder gefangen "auf niedrigem Niveau", wie Reisinger sagt.

Auffallend ist dabei die ungleichmäßige, inselartige Verbreitung der gut 3.200 Brutpaare: Nach Beobachtungen des Experten leben davon etwa 2000 in Schwaben, 500 in Oberbayern (unter anderem im Großraum München, Ammersee-Gegend und bei Landsberg), der Rest vorwiegend in Niederbayern und Unterfranken. "Der ganze östliche Bereich Oberbayerns ist annähernd saatkrähenfrei ", so Reisinger. Keinerlei Bestandsprobleme hat dagegen die Rabenkrähe: "Sie hat sich die Städte voll erschlossen und brütet sogar am Stachus."
   

Als Wintergäste zur Zeit recht häufig, als heimischer Brutvogel selten: Die Saatkrähe

Saatkrähen keine Nesträuber

Im Gegensatz zur Rabenkrähe, die ihr Brutrevier auch gegenüber Artgenossen verteidigt, brütet die heimische Saatkrähe in Kolonien.

Auch bei der Nahrungssuche sind Saatkrähen gesellige Vögel: Allesfresser mit Vorliebe für Würmer, Schnecken, Feldwanzen, Erdraupen, Drahtwürmer, Engerlinge, Getreidekäferlarven und andere Insekten.
 



Dagegen ist sie kein Nesträuber: “Eier oder Jungvögel gehören nicht zu ihrem natürlichen Nahrungsspektrum, wodurch sie sich von anderen Rabenvögeln unterscheidet”, versichert der Landesbund für Vogelschutz. Ebenfalls frisst sie kein Niederwild wie Junghasen.
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