LBV Bayern - Pressespiegel

LBV Starnberg

"Stunde der Wintervögel"

aus: Süddeutsche Zeitung vom 5.1.2010

Unabhängig vom aktuellen Termin (2010) bietet dieser kleine Artikel einen heiteren und nicht ganz unkritischen "Blick von außen" auf die o. g. Aktion.

„Stunde der Wintervögel"

Amsel, Meise eins, zwei, drei -
Am Mittwoch beginnt die jährliche Vogelzählung

Der Mausspecht ist einer der wenigen Vögel, die es schaffen, beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern Verwirrung auszulösen. Denn eben jenen Mausspecht wollte eine engagierte Beobachterin gesichtet haben, bei der "Stunde der Wintervögel", einer groß angelegten Vogelzählung, an der sich im letzten Januar 12 000 Vogelfreunde in ganz Bayern beteiligt hatten. "Was ist denn das?", fragten die Vogelschutzexperten. Der Mausspecht war dort ein völlig unbekanntes Wesen. Nach einigen Nachforschungen stellte sich heraus, dass die Dame in einem Vogel-Bestimmungsbuch von 1940 nachgeschaut hatte. Der Mausspecht ist inzwischen aber unter der Bezeichnung Gartenbaumläufer registriert. *)

Solch diffizile Definitionsprobleme werden wohl eher die Ausnahme bleiben, wenn an diesem Mittwoch die "Stunde der Wintervögel" erneut stattfindet. Meist sind es schlicht Amsel, Blaumeise oder Buchfink, die sich im Winter in Bayern aufhalten. Die Vogelzählung funktioniert so: Jeder Teilnehmer beobachtet und zählt eine Stunde lang alle Vögel am Futterhaus, im Garten oder im Park. Alle vorkommenden Arten werden in eine Liste eingetragen, die dann an den Vogelschutzbund geschickt wird. Nicht nur der Beobachtungsort und die genaue Stunde ist beliebig, es bedarf auch keiner speziellen Qualifikation zur Vogelerfassung: Jeder kann mitmachen. Nicht vogelkundlich vorgebildete Menschen können sich, so rät der Landesbund, über Bestimmungsbücher oder im Internet abrufbare Vogel-Steckbriefe in ihrer Beobachtung absichern. Wichtig ist, dass kein Vogel doppelt gezählt wird.

Aber wie kann die Zählung statistisch sauber sein, bei so vielen Unsicherheitsfaktoren? Alf Pille vom Landesbund für Vogelschutz räumt ein, "dass die Fehlerquote natürlich hoch liegt. Aber bei dieser hohen Zahl rechnet sich das heraus". In der Tat wurden bei der letzten Zählung 275 000 einzelne Vögel und mehr als 60 Vogelarten erfasst. Eine solch große Datenmenge wäre bei einer professionellen Zählung kaum zu erreichen, sagt der Vogelschutzbund. Die Laien-Vogelzählung lieferte im letzten Jahr einige überraschende Erkenntnisse: Zum Beispiel den massenhaften Einflug der sibirischen Seidenschwänze. Oder die Halsbandsittiche, die plötzlich in Unterfranken auftauchten, obwohl sie normalerweise nur im milderen Ruhrgebiet heimisch sind. Die Vogelschützer erhoffen sich durch die Aktion Erkenntnisse über die Zugwege der Vögel und darüber, wie sich der Klimawandel auf den hiesigen Vogelbestand auswirkt.

Ob diese Erkenntnisse wissenschaftlich nutzbar sind, bezweifeln Vogelkundler wie Michael Lohmann, der am Chiemsee arbeitet: "Das ist nur eine nette Aktion, um die Bürger für die Vogelwelt zu interessieren." Das ist wohl auch dringend nötig, denn laut einer Studie der FH Weihenstephan kennt ein durchschnittliches bayerisches Schulkind nur noch vier einheimische Vogelarten.

Oliver Klasen

*) Hans Werner hat den "Mausspecht" sehr rasch als Gartenbaumläufer erkannt. (Interne Anm. LBV STA)

 
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