LBV - Landesverband

LBV Starnberg

1909 - 2009:  100 Jahre LBV
Eine Chronik
100 Jahre LBV: Vom Vogelschutz zum Naturschutz
Der LBV wird 100! Es war eine spannende Entwicklung von der kleinen „Staatlichen Vogel-schutzkommission" zum modernen, unabhängigen und schlagkräftigen Naturschutzverband.
Dabei blieben die Aktiven immer ihrem Ziel treu: Bayerns Natur zu erhalten.
Gründungsphase
Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es die ersten Naturschutz-Ideen. Die zunehmende Industrialisierung und die damit einhergehende Naturzerstörung rief eine neue Bewegung auf den Plan, die aus sehr romantischen Motiven heraus die heimische Natur und die Kulturlandschaft schützen wollte. Parallel dazu entwickelte sich eine staatliche Form des Naturschutzes, die sich auf wissenschaft-liche Erkenntnisse stützte. Zusammen führten diese beiden Wurzeln zur Gründung des LBV im Jahr 1909. Freiherr Hermann von Gebsattel gründete auf Betreiben des Königlich Bayerischen Innenministers im Gebsattel-Palais in Bamberg., heute Sitz des Erzbischofs, die „Staatlich autorisierte Vogelschutzkommission für Bayern".   Zwar wollten schon damals viele Vogelschützer die Arten um ihrer selbst Willen erhalten, das Ziel des Verbands war jedoch ein wirtschaftlicher Vogelschutz: Die Vogelwelt war auf der Basis „wissenschaftlicher" Berechnungen in Nützlinge und Schädlinge eingeteilt. Arten, die Schadinsekten vertilgten, waren demnach schützenswerter als andere, allen voran „Meisen, Goldhähnchen, Baumläufer, Spechte, Nachtschwalben und andere‚. Diese Arten sollte die Vogelschutz-Kommission fördern. Gimpel (frisst Baumknospen) und Haussperling („Weizen, Hafer, Hirse, Korn, dann Salatsetzlinge, nützliche Insekten u.a.") galten dagegen als nicht schützenwert, so dass die „Vogelschutzkommission" ihren Mitgliedern dann auch Spatzenfallen beschaffte.

Umzug nach Garmisch-Partenkirchen

Der LBV wurde 1919 zum „Staatlich anerkannten Ausschuss für Vogelschutz" und zog 1931 unter dem damaligen Vorsitzenden, dem Geheimen Rat Josef Neblich, nach Garmisch-Partenkirchen um. Unter einem Dach mit der im gleichen Jahr von Forstmeister Hänel gegründeten Vogelschutzwarte wurde der wissenschaftliche Vogelschutz fortgesetzt. Ab 1932 führte der Ausschuss den Zusatz „Landesverband für Vogelschutz".

Dem "Dritten Reich" musste der Verein seine Eigenständigkeit opfern. Dennoch war es mehr eine Zwangsehe, als der nun in „Landesbund für Vogelschutz in Bayern" umbenannte Verein auf Erlass des Reichsforstmeisters Hermann Göring am 1.12.1938 in den „Reichsbund für Vogelschutz e.V." in Stuttgart eingegliedert wurde. Das zumindest legt die Tatsache nahe, dass sich der LBV am 02. März 1943 eine eigene Satzung gab und 1944 als eigener eingetragener Verein innerhalb des Reichsbundes für Vogelschutz im Register des Amtsgerichtes München geführt wurde.

Die alte traditionelle Eigenständigkeit stellte der LBV dann unmittelbar nach Kriegsende wieder voll her.

  Die Verbände LBV und Deutscher Bund für Vogelschutz (DBV) arbeiteten dann lange Jahre partnerschaftlich im Deutschen Naturschutzring oder der Deutschen Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz zusammen, seit 1999 besteht eine institutionalisierte strategische Zusammenarbeit mit dem DBV-Nachfolger Naturschutzbund Deutschland (NABU).
Besonders in den Bereichen europäischer Naturschutz, Wasserrahmenrechts-Richtlinie, Land- und Forstwirtschaft, dem Vogelschutz (gemeinsame "Vogel des Jahres"-Kampagne, Stunde der Gartenvögel, Weißstorch, Wanderfalke etc.) und der Öffentlichkeitsarbeit arbeiten die Verbände eng zusammen.

Im Mai 1947 begann der LBV in Garmisch- Partenkirchen, auf staatlichem Grund und Boden, ein großes Gebäude zu errichten. Damit überschuldete sich der damals gut 5.000 Mitglieder starke Verband so hoffnungslos, dass der Freistaat Bayern 1955 Gebäude und Schulden übernehmen musste. Dem LBV wurde für einige Räume des nun als Staatliche Vogelschutzwarte genutzten Gebäudes ein dauerndes Nutzungsrecht eingeräumt, heute Sitz der Geschäftsstelle Garmisch-Partenkirchen. Von hier werden z.B. die LBV-Aktivitäten an den dealpinen Flüssen oder Teilflächen im Artenhilfsprogramm Steinadler betreut.
Neue Aufgaben: Vom Vogelschutz zum Arten- und Biotopschutz
Nach der Entschuldung konnte sich der Verband mit seinen 1961 rund 7.500 Mitgliedern wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen. Der „wirtschaftliche Vogelschutz" wurde ab 1968 von effektiven Schutzkonzepten abgelöst. Damals begann eine dreiköpfige Vorstandschaft mit Dr. Einhard Bezzel, Karl Spitlbauer und Karl Springer, den LBV inhaltlich zu modernisieren und Naturschutz ökologischer zu begreifen.

Seitdem sind wissenschaftliche Erkenntnisse Grundlage der praktischen LBV-Arbeit. Im November 1978 beschloss der damals rund 10.000 Mitglieder starke Verband eine von Ludwig Sothmann und Dr. Heinrich Greiner ausgearbeitete neue Satzung mit einer neuen Bestimmung der Verbandsaufgaben. Im Anschluss daran wurde Ludwig Sothmann Erster Vorsitzender, eine Funktion, die er auch heute noch, 2009, ausübt.
Er war der erste Vorsitzende des LBV, der sein Amt nicht als bayerischer Beamter, sondern ehrenamtlich durchführte, sein Stellvertreter war Dr. Greiner aus Friedberg bei Augsburg.
  Ebenfalls 1978 erschien zum ersten Mal die Verbands-zeitschrift „Vogelschutz" in einer Auflage von 8.000 Exemplaren. Heute gehört sie mit vierteljährlich 50.000 Exemplaren, hervorragenden Bildern und Artikeln zu Deutschlands größten Magazinen für Naturschutz und ist das zentrale Organ des Verbands.

Im Laufe der Zeit wurde der Schutz der Lebensräume immer wichtiger. Schon 1972 kaufte der LBV die erste Fläche für den Naturschutz. Durch die Einrichtung des Arche Noah Fonds 1984 und die Unterstützung des Bayerischen Naturschutzfonds besitzt der LBV inzwischen ca. 1.600 Hektar eigene Schutzgebiete, dazu ca. 900 Hektar Pachtflächen in Bayern. Die LBV-Arbeit schließt also seit langem auch Pflanzen und andere Tiergruppen ein, deutlich zu erkennen an der 1985 von der Delegiertenversammlung beschlossenen Namensergänzung „Verband für Arten- und Biotopschutz". Während NABU und BUND bzw. BN in den Jahren seit 1970 die damals neuen Umweltschutzthemen wie Verkehr, Müll, Energie etc. in ihre Arbeit aufnahmen, behielt der LBV den Schwerpunkt Arten- und Biotopschutz bei.
Umzug nach Mittelfranken – Wachstum und Professionalisierung
Der LBV wurde immer professioneller und entwickelte sich rasant: 1980 zog er nach Hilpoltstein und zählte 1990 bereits 30.000 Mitglieder. 1983 wurde der LBV nach § 29 Bundesnaturschutzgesetz als Naturschutzverband mit den entsprechenden Rechten anerkannt. Der stellvertretende Landesvorsitzende Klaus G. Schulze war maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt und hat zudem gerade in Oberbayern dafür gesorgt, dass sich schlagkräftige Kreisgruppen gegründet haben. Er ist leider 2002 viel zu früh verstorben. Die Mitgliederzahl hat sich seitdem auf heute 75.000 Mitglieder und Förderer mehr als verdoppelt. Davon sind ca. 10.000 Jugendliche, die in der 1984 gegründeten Naturschutzjugend im LBV (NAJU) organisiert sind.

Die ehrenamtlich Aktiven sind die Basis des Verbands. In 350 Gruppen sind über 2.500 Ehrenamtliche praktisch flächendeckend aktiv und lokal stark verankert. An den Aktiven zeigt sich auch die heutige Vielfalt der LBV-Arbeit: von Schutzkonzepten für Rotmilan und Raufußkauz, über die Erfassung Hunderter von Fledermausquartieren, den Einsatz für eine frei fließende Donau zwischen Straubing und Vilshofen, den Schutz des weltweit nur bei uns vorkommenden Böhmischen Enzians bis hin zur Pflege von artenreichen Streuwiesen im Voralpenland.

  Seit 1981 wurde unter Leitung des neuen Geschäfts-führers Gerhard Koller eine flächendeckende Infrastruktur aufgebaut.

Die ersten Bezirksgeschäftsstellen wurden in Bayreuth, Deggendorf, Amberg, Aschaffenburg und München eröffnet. Heute arbeiten in der Landesgeschäftsstelle, den sechs Bezirks-, 13 Kreisgeschäftsstellen und 12 Umweltstationen über 100 Mitarbeiter, viele davon sind zeitlich befristet mit Projektarbeiten befasst. Zudem ist der LBV auch eine attraktive Anlaufstelle für Zivildienstleistende und junge Menschen, die im Rahmen eines freiwilligen ökologischen Jahres tätig werden wollen. In seinen Umweltstationen betreut der LBV über 100.000 Besucherinnen und Besuchern jedes Jahr.

Die Aufgaben der vielen Freiwilligen und Hauptamtlichen sind vielfältiger denn je: beispielsweise auf dem Feld der politischen Lobbyarbeit, z.B. mit Ludwig Sothmann als Sprecher des Obersten Naturschutzbeirates, der angewandten Naturschutzforschung in Beweidungs- und Telemetrieprojekten oder im Betrieb eines eigenen Kindergartens.
   
Neue Schwerpunkte – Internationale Kooperationen – Landnutzung, Umweltbildung
Bereits 1984 beschäftigte der LBV einen Umweltpädagogen und eröffnete damit dem Verband eine neues Tätigkeitsfeld. Der LBV ist mit dem 1996 gegründeten Arche Noah Kindergarten der einzige Naturschutzverband in der Bundesrepublik, der eine Kindertagesstätte nach einem ökologisch-integrativen Konzept führt.
Seit Beginn der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung" 2004 ist der LBV im Nationalkomittee zur Umsetzung der Dekade vertreten. In vielen Bereichen setzt der Verband dabei über Deutschland hinaus Akzente. So finden die LBV-Umweltbildungs-Konzepte sogar bis nach Japan zahlreiche Nachahmer, mit seiner „Natürlich Lernen"- Reihe bietet der LBV Erziehern und Lehrern praxisnahe Materialien an, das Thema Natur und Umwelt umzusetzen.

Im Quellschutz werden mehrere auch internationale Projekte vom LBV koordiniert. Kein anderer deutscher Naturschutzverband hat so viele LIFE-Projekte durchgeführt: von der Rohrdommel in der Oberpfalz bis hin zu Kalktuffquellen in der Frankenalb, insgesamt fünf dieser EU-geförderten Projekte. Dazu kommen mehrere vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) geförderte Großvorhaben. Nicht zu vergessen auch die erfolgreichen Artenhilfsprogramme, die der LBV teilweise im Auftrag des Landesamtes für Umwelt (LfU) durchführt: Ob Weißstorch, Wanderfalke, Wiesenweihe oder Flussseeschwalbe, jede Art hat kräftig zugenommen.

Der LBV erreichte mit dem Pilotprojekt "Ramsar-Gebietsbetreuung Ammersee", dass erstmals 1998 eine vom Freistaat (bzw. vom Bayerischen Naturschutzfonds) ko-finanzierte, professionelle Betreuung eines wichtigen Schutzgebietes eingerichtet wurde. Das Projekt war so erfolgreich, dass der Freistaat diese Betreuung auf bisher 30 Gebiete ausgedehnt hat.
Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Kooperation mit Landnutzern. So kommt man zu neuen Wegen, die von allen akzeptiert werden.

  Beispielhaft dafür stehen die Naturschutzprojekte in der Kulturlandschaft: die Artenhilfsprogramme Wiesenweihe und Ortolan, das Lerchenfenster-Projekt oder auch die Wiedereinführung des fast ausgestorbenen Rotviehs in der Oberpfalz zur wirtschaftlichen Beweidung von Wiesen in Mittelgebirgslagen. Trotzdem muss auch kontrovers diskutiert werden, besonders bei der sog. „grünen" Gentechnik oder ökologischen Leitplanken für den Anbau Nachwachsender Rohstoffe.

Naturschutzpolitisch setzt sich der LBV auch für den Schutz und die Einrichtung international bedeutsamer Schutzgebiete ein, z.B. durch die Umsetzung der Ramsar-Konvention, der EU-Vogelschutz-Richtlinie oder der FFH-Richtlinie.

Die Gesamteinnahmen des LBV liegen heute bei knapp 6 Mio. Euro jährlich. 50 % davon kommen aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen, 15 % aus Verkauf von Naturschutzprodukten und Sponsoring und weitere 30 % aus Projektzuschüssen. Weit über die Hälfte der Ausgaben fließt direkt in Naturschutzprojekte, Flächenankäufe und -pflege, ein weiterer großer Teil in die Umweltbildung. 2002 hat der LBV die "Stiftung Bayerisches Naturerbe" errichtet. Mit den Erträgen des Stiftungskapitals können wichtige Projekte zum Erhalt des bayerischen Naturerbes finanziell unterstützt werden.

Der Schwerpunkt der Verbandsarbeit liegt heute eindeutig auf dem Erhalt der Artenvielfalt: Von den 35.000 Tierarten Bayerns sind 40 % ausgestorben oder bedroht. Dabei hat Bayern für einige eine weltweite Verantwortung, wie für die Wimpernfledermaus, den Rotmilan, den „Donaulachs" Huchen oder die Flussperlmuschel. Außerdem gibt es Tiere und Pflanzen, die weltweit nur bei uns vorkommen, wie das Bodensee-Vergissmeinnicht, die Bayerische Quellschnecke, die Fränkische Mehlbeere oder das Donau-Neunauge. Für ihr Überleben setzt sich der LBV ein, in Brüssel, Berlin, und besonders in Bayern.

    Ihr Ansprechpartner für weitere Fragen:
Alf Pille, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein Tel.: 09174/4775-24 Email: a-pille@lbv.de
(Fett-Hervorhebungen: HG)
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